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Bildungspolitischer Meilenstein: NRW-Landesregierung kündigt Einführung des Pflichtfaches „Wirtschaft“ an allgemeinbildenden Schulen an

Am 26.11.2018 verkündete die Ministerin für Schule und Bildung in Nordrhein-Westfalen, Yvonne Gebauer, die Einführung des Pflichtfaches „Wirtschaft“ ab Schuljahr 2020/21 an allen Haupt-, Real-, Gesamt- und Sekundarschulen des bevölkerungsreichsten Bundeslandes. Bereits im Schuljahr 2019/2020 soll zudem das Fach „Politik-Wirtschaft“ in der Sekundarstufe I des Gymnasiums in „Wirtschaft–Politik“ mit einer Stärkung der ökonomischen Inhalte umgewandelt werden. Damit löst die schwarz-gelbe Landesregierung eine Ankündigung aus dem Koalitionsvertrag vom Juni 2017 ein. Dort wurde die ökonomische Bildung als „unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung“ bezeichnet und vereinbart, „an allen weiterführenden Schulen das Schulfach Wirtschaft [zu] etablieren, in dem unter anderem Kenntnisse unserer Wirtschaftsordnung ebenso wie Aspekte der Verbraucherbildung vermittelt werden.“

Hinsichtlich der Umsetzung in den einzelnen Schulformen beschreiben die gestern veröffentlichte Pressemeldung sowie ein parallel bereitgestelltes Faktenblatt nun einen konkreten Zeitplan:

„Die Einführung des neuen Fachs setzt eine Überarbeitung der Ausbildungs- und Prüfungsordnung für die Sekundarstufe I bis zum Beginn des Schuljahres 2020/21 voraus und in diesem Zusammenhang auch eine Verbändebeteiligung sowie eine Befassung des Landtags. Notwendig ist dann die Erarbeitung neuer Kernlehrpläne für die gesellschaftswissenschaftlichen Fächer der jeweiligen Schulformen, die im kommenden Jahr beginnen wird. Dabei sollen auch Kernlehrpläne für das Fach Wirtschaft im Wahlpflichtbereich erstellt werden, mit denen besonders interessierte Schülerinnen und Schüler ihre Kenntnisse vertiefen können. Im weiteren Entwicklungsprozess wird zudem zu prüfen sein, ob die Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung angepasst werden soll.“

Nordrhein-Westfalen beschreitet damit den Weg anderer großer Flächenstaaten wie Niedersachsen, Bayern und (seit kurzem) Baden-Württemberg mit einer breiten curricularen und institutionellen Absicherung im allgemeinbildenden Schulsystem. Dies wird vom Institut für Ökonomische Bildung (IÖB), das sich von jeher für die Etablierung der ökonomischen Bildung einsetzt und in Nordrhein-Westfalen in der Vergangenheit bereits umfassende Projektvorhaben wie „Wirtschaft in die Schule!“ und „Praxiskontakte Wirtschaft“ realisieren konnte, uneingeschränkt begrüßt. Klar ist aber auch, dass sich aus dieser positiven bildungspolitischen Entscheidung viele weitere Schritte und Aufgaben ergeben, wie beispielsweise die Einrichtung neuer und Ausweitung bestehender Studiengänge an den Hochschulen, die Realisierung einer systematischen Fort- und Weiterbildung fachfremd unterrichtender Lehrkräfte sowie die Erweiterung des Pflichtfaches im Gymnasium auf die Sekundarstufe II.

Ko/27.11.2018

Link zur Pressemitteilung: https://bit.ly/2P5wyWK

Link zum Faktenblatt: https://bit.ly/2P35M1j

Wirtschaftsunterricht ist kein Hemmnis für politische Bildung

Im Januar 2018 veröffentlichten Prof. Reinhold Hedtke und Mahir Gökbudak in der Workingpaper-Reihe „Didaktik der Sozialwissenschaften“ der Universität Bielefeld ein „Ranking Politische Bildung 2017 – Politische Bildung an allgemeinbildenden Schulen der Sekundarstufe I im Bundesländervergleich“. In dessen Zentrum steht die „quantitative Analyse [der] prozentuale[n] Stundentafelquote für das jeweilige Leitfach der politischen Bildung und nicht die inhaltliche Umsetzung, etwa in den Kernlehrplänen“ (S. 3).

Ein für die ökonomische Bildung besonders interessantes Ergebnis der Studie ist, dass die Etablierung eigenständiger Wirtschaftsfächer offensichtlich nicht per se einen negativen Effekt auf die Stundenanteile eines Faches „Politik“ hat. Immer wieder wird im Kontext der Forderung nach einem Schulfach „Wirtschaft“ die Befürchtung geäußert, dass dies zu Lasten der politischen Bildung in der Schule gehe – so auch vom Hauptautor der Studie. Schaut man sich nun das dargestellte Ranking an, fällt auf, dass z. B. das Land Niedersachsen, das seit den 1980er Jahren ein Fach „Wirtschaft“ im Sekundar I-Bereich hat, im Hinblick auf das politische Leitfach insgesamt und auch in allen Teilrankings der Studie einen überdurchschnittlich positiven Wert aufweist. Niedersachsen wird im Hinblick auf die gesamte Sekundarstufe I (einschl. Gymnasium) entsprechend dem „ambitionierten Feld“ zugeordnet. (S. 5). Gleiches gilt für Bremen, in dem es ebenfalls traditionell einen hohen Anteil ökonomischer Inhalte im Sekundar I-Bereich gibt. Und auch Sachsen-Anhalt schneidet trotz eigenständigem Fach „Wirtschaft“ überdurchschnittlich ab in Bezug auf die Anteile an politischer Bildung. Das ist sicher eine gute Nachricht, denn ökonomische und politische Bildung sind gleichermaßen wichtige Aufgaben einer zeitgemäßen Allgemeinbildung, denen das Schulsystem mit eigenständigen Fächern entsprechende Rechnung tragen sollte.

Erstaunlich ist, dass Reinhold Hedtke, der bis dato gegen eigenständige Fächer im sozialwissenschaftlichen Aufgabenfeld argumentiert hat, nun offensichtlich zu einer neuen Einschätzung kommt. Im Spiegel-Artikel zum Ranking wird er wie folgt zitiert: „Das Argument, dass politische Bildung ja auch in anderen Fächern wie zum Beispiel Geschichte oder Erdkunde vermittelt wird, lässt Hedtke nicht gelten. ‚Wenn politische Bildung nicht als eigenständiges Unterrichtsfach vorgesehen ist, sagt das doch etwas über den Wert aus, der ihr beigemessen wird.‘" (Spiegel Online vom 31.01.2018). Die Argumentation ist für uns sehr nachvollziehbar (vgl. u. a. den Standpunkt von H. Kaminski vom 22.02.2018). In der gleichen Logik plädieren wir seit vielen Jahren für ein Unterrichtsfach Wirtschaft: Wenn ökonomische Bildung nicht als eigenständiges Fach vorgesehen ist, sagt das doch etwas über den Wert aus, der ihr beigemessen wird.

Mit Blick auf die aktuelle bildungspolitische Lage lässt sich resümierend festhalten, dass gerade auch bezüglich der aktuellen Pläne der neuen Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, ein eigenständiges Fach „Wirtschaft“ einzuführen, die vorliegende Studie in zentralen Punkten zur Beruhigung der Diskussion beitragen kann.

Ko/Loe, 16.03.2018

Bisherige IÖB-Standpunkte